3. Nagetusch-Treffen

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Dresdner Nagetusch-Wohnwagen zu Gast im Vogtland

Text: Andreé Maaske

Der Name Nagetusch ist bei vielen Oldtimerfreunden kaum bekannt und wird folglich selten mit historischen Fahrzeugen aus der DDR in Verbindung gebracht. Dabei handelt es sich um hochwertige Wohnanhänger, die in den fünfziger und sechziger Jahren die Konkurrenz aus dem Westen nicht scheuen mußten. Im Gegenteil. Firmen wie Westfalia zeugten dem kleinen Handwerksbetrieb aus Dresden Anerkennung und Respekt.
Ein Treffen dieser mittlerweile seltenen Wohnanhänger fand Mitte Juni in Kauschwitz bei Plauen statt. Organisiert von Jens Scheunert, der in der Oldtimerszene als Framo-Jens durch die Restaurierung der gleichnamigen Kleintransporter bestens bekannt ist. Er hatte auch gleich das wohl interessanteste Gespann vor Ort. Ein Sachsenring P240 im Originalzustand mit einem Nagetusch-Wohnanhänger im Schlepp. Beide Fahrzeuge Ton in Ton, Blau-Weiß – Chrom/Alu. Der P240 ist in einem bemerkenswerten Zustand und soll in Zukunft das bis jetzt verwendete Zugfahrzeug, einen Wolga M22 Kombi ersetzen.
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Hier ist man auch gleich beim Hauptproblem, vor dem ein DDR-Bürger damals stand: Neben dem Anschaffungspreis für die „Freizeitwohnung“ brauchte er auch noch ein passendes, also ausreichend kräftiges Zugfahrzeug. Ein Nagetusch war je nach Typ zwischen 2,60 m und 4,40 m lang und wog zwischen 380 kg und 740 kg. Der Drei-Meter Typ „Brillant“ war gerade noch mit einem Wartburg, Moskwitsch oder Škoda zu bewegen. Für die viel weiter verbreiteten Trabant, F8 oder P70 war kein Nagetusch geeignet. Die großen Typen „Diamant“, „Exquisit“ und „Excellent“ waren gar nur mit einem Wolga oder Tatra zu bewältigen. Für Privatleute also nicht mehr als ein ferner Traum. Solch ein Traum-Gespann mit einem weißen Tatra 603 war in Kauschwitz dabei. Hiermit war klar, welche Zielgruppe die Firma Nagetusch ansprechen wollte bzw. mußte: Exportkunden im meist westlichen Ausland, die über die entsprechenden PKW verfügten. Der kleine Handwerksbetrieb hätte auch eine größere Serienproduktion nicht stemmen können und mußte sowieso immer aufpassen, nicht zu sehr aufzufallen, um der Verstaatlichung zu entgehen. Trotzdem trat dieser Fall 1972 ein. In jenem Jahr wurden die letzten größeren Privatbetriebe in der ganzen DDR enteignet. Das betraf neben allen anderen Branchen auch den Fahrzeugbau wie die Firma Fleischer in Gera und Nagetusch in Dresden.
Ein breites Spektrum des hergestellten Typenprogrammes konnte man beim diesjährigen Treffen besichtigen. Zum Treffen waren ca. 15 Gespanne gekommen. Coronabedingt war der Kreis dieses Jahr kleiner als bei den ersten beiden Treffen, zu denen jeweils ca. 30 Fahrzeuge anreisten. Neben den Wohnanhängern war auch ein Verkaufswagen dabei. Dieser wird vielen als HO-Verkaufsstand oder Imbißbude eher bekannt sein als der Wohnwagen.

Vor Ort war auch Manfred, der Sohn des Firmengründers Richard Nagetusch. Er ist ein Zeitzeuge der Firmengeschichte und unterstützt die Oldtimerfreunde, die das Lebenswerk seines Vaters in Ehren halten und erhalten. Manfred Nagetusch war bis zu seiner Flucht in den Westen 1963 im Betrieb beschäftigt und maßgeblich an der Entwicklung der Wohn- und Verkaufsanhänger beteiligt.

Ebenfalls vor Ort war der Buchautor der „Nagetusch-Chronik“, Frank Hartwig. Frank war so freundlich und hat mir im Schnelldurchlauf die relativ unbekannte Geschichte des kleinen Dresdner Betriebes nahegebracht. Umfangreiche Informationen konnte ich aus dem Buch „Nagetusch – Wohn-Anhänger aus Dresden“ von Christian Suhr und Frank Hartwig entnehmen.
Eins fiel noch auf. Der kleine Kreis der Nagetusch-Liebhaber leidet nicht, wie so viele andere Vereine, an Nachwuchssorgen. Alle Anwesenden machen noch genau das mit den Wohnanhängern, wofür sie gebaut wurden: CAMPING! Und das macht natürlich Jung und Alt Spaß. Als Campinganhänger wurden die Schmuckstücke allerdings nie beworben. Mit „Wohnwagen“ wollte man darauf hinweisen, daß es sich um einen vollwertigen Reisewagen, ein fahrendes Hotel handelt. Die Wagen waren vollisoliert und konnten mit allem Komfort ausgestattet werden. Leider war das Reisen in der DDR auf wenige Länder begrenzt. Die in großer Stückzahl exportierten Wagen konnten jedoch stets ihre Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit der Kunden erfüllen. Daß dies immer noch so ist, haben die Freunde in Kauschwitz erneut bewiesen.
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