3500 Kilometer

3500 Kilometer

AWO-Anke unterwegs nach Korsika

Mitte Mai 2024 buchte ich die Fähre nach Korsika, ich wollte endlich wieder mit der AWO auf große Reise gehen. Mein einziger Fixpunkt: Fährhafen Savona am 4. September, 18 Uhr.

Am 1. September ging es dann endlich los Richtung Würzburg. Mit jedem Kilometer, mit dem ich mich weiter von zu Hause entfernte, begann ich mehr und mehr im Hier und Jetzt zu sein. Der Alltag entschwand und mit ihm die kleinen und großen Sorgen. Das Datum spielte keine Rolle mehr, eine Uhr trage ich sowieso nicht. Nur noch ich, mein Fahrzeug und meine unmittelbare Umgebung – nur noch das zum Vorwärtskommen unbedingt Nötige. Und ein paar Ersatzteile, eine Seitentasche voller Kleinteile, Dichtungen und Motorenöl in kleineren Flaschen… Kolben und Zylinder waren gerade frisch eingesetzt worden, die alte Paarung hatte kurz vorher das Zeitliche gesegnet. „Einfahren“ musste ich sie unterwegs. Es war auch gar nicht klar, ob ich mein Ziel überhaupt erreiche, ich fuhr eine AWO Baujahr 1961. Mein Motto: Immer nur von einem Tag zum nächsten planen und damit zufrieden sein. Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine - abhängig von einigen Umgebungsfaktoren - bestimmen das Tempo und damit die täglich gefahrenen Kilometer. Richtig aufregend wurde es erst am dritten Reisetag mit dem Ritt über die Alpen.

Aufregend!

Ich verabschiede mich früh an Reisetag 3 in Giebenach (Schweiz) von Jens, einem AWO-Freund mit eigener AWO-Sport, mit herzlichem Dank für Gastfreundschaft, Support und Auffüllen der Ölvorräte, denn mich beschleicht das ungute Gefühl, dass mein eigener Vorrat nicht reichen wird. Eine Zugankerdichtung dichtet nicht und ich fahre schon mit Krawatte um den Zylinderfuß. 

Aber solange nichts tropft und die Maschine Kraft hat, gibt’s nur eine Himmelsrichtung: Süden. Mein Kopf ist 24 Stunden ausgefüllt mit dem Wunsch, rechtzeitig in Savona an der Fähre zu sein. Aber keine fünf Kilometer hinter Giebenach fängt mein Motorrad an zu husten und zu stottern und ich strande in der schweizerischen Pampa. Sie will nicht mehr. Ich überprüfe nach dem Ausschlussprinzip und unter Fluchen alles Mögliche. Zündfunke? Da! Klemmt der Gasbowdenzug irgendwo? Nein! Ich überlege, ob ich die Symptome schon aus der Vergangenheit kenne und einordnen kann. Als ob der Strom weg ist. Aber ich hatte ja auf Zündmagnet umgestellt, der kann es doch nicht sein, oder? Ich habe dank Volker, der für den technischen Support zuständig ist, einen Ersatzmagneten dabei. Also tausche ich die Magneten und habe Schwierigkeiten bei der Installation. Ich stelle jetzt fest, dass mein Handy mir nichts nützt, ich meinen Telefonjoker Volker nicht erreichen kann. Ich habe riesige Wut. Die Schweiz ist nicht EU und Roaming funktioniert nicht. Mit schlechter Laune fummle ich weiter. Nach zwei Stunden ist es geschafft.


Ich sammle mein verstreutes Equipment wieder ein, ein Funktionstest war schon positiv. Navigation über Handy funktioniert auch nicht, also fahre ich zurück in nächste größere Stadt, setze mich in ein Fast-Food-Restaurant mit W-LAN und lade mir die verdammte Schweiz runter, um offline navigieren zu können. Super, nun ist es Mittag, ein halber Tag Verzug! Mein Plan war, heute über den Gotthardpass zu fahren, mich am höchsten Punkt, auf 2.091 m, selbst zu feiern und irgendwo am Lago Maggiore nächtigen. Aus meiner entspannten Nebenstreckenplanung wird jetzt doch eine straffere Route. Im unteren Drehzahlbereich will die AWO nicht so richtig, aber sobald es schneller geht, schnurrt sie gut. Ich erreiche mein bergiges Zielgebiet gegen 16 Uhr. Ob ich es wage? Die Berge und der Gipfel liegen vor mir. Oder lieber eine Unterkunft suchen und morgen früh weiter? Eigentlich will ich aus der Schweiz raus. Und weil ich nicht weiß, welche Überraschungen noch auf mich warten, wage ich es. Mein Zeitpolster will ich für Reparaturen aufsparen, es ist zu früh am Tag um für heute Schluss zu machen. Also schraube ich mich langsam hoch. Mit jeder Serpentine wird die Luft dünner und die vollgepackte AWO langsamer. Ich bin etwas über der Hälfte und bald nicht mal mehr im zweiten Gang. Es ist mühsam, ich werde von zweirädrigen Schiffen überholt, selbst noch in Haarnadelkurven und schimpfe wie ein Rohrspatz, weil ich viel zu dicht überholt werde, ich brauche, selbst wenn ich langsam bin, ja auch noch Platz zum Ausscheren. Wenn ich euch erwische, denke ich, dann gibt’s Ärger. Die AWO qualmt und stottert, aber sie zuckelt hoch. Ich will nicht anhalten .

Nur noch ein paar Kurven. Los komm schon, gib nicht auf, du schaffst das! Wenn sie mir hier und jetzt ausgehen würde, ich würde sie nicht mehr anbekommen und schieben ist mit dem ganzen Gepäck keine Option. Es ist kalt und neblig. Wir kommen 17:30 Uhr auf einem Plateau mit Touristeninformation an und ich weiß vor lauter Nebel nicht, ob vielleicht noch eine Etappe mit Höhenmetern wartet. Ich frage in dem Gasthaus, ob ich oben bin und als die Antwort „Ja“ lautet, werden meine Augen feucht und ich bestelle mir ein Bier. Ok, in meinen früheren Fantasien sah ich mich von Menschen umjubelt und die AWO mit Lorbeerkranz, aber so geht’s auch. Im Gasthaus gibt’s WLAN und ich kann Volker endlich mitteilen: „Unser Bebi hats geschafft, Motor läuft… Grüße vom St Gotthard“. Die Eskalation vom Vormittag mit dem Zündmagneten verschweige ich. Es gibt gerade kein Problem. Wir (AWO & ich = Wir) fahren gleich weiter, viel zu sehen gibt es sowieso nicht. Gegen 20 Uhr habe ich die italienische Grenze und den Lago Maggiore erreicht. Aber es ist schwierig für mich, eine Unterkunft zu finden. Ich werde mehrmals abgewiesen. So fahre ich in die Nacht hinein, es ist warm. Ich versuche nicht mehr, einen offiziellen Platz zum Nächtigen zu finden. Mein neuer Plan heißt: Fahre durch die Nacht, die ist verkehrsarm (freie Fahrt) und ohne Hitze von oben. In Alessandria an der Zitadelle beschließt meine AWO den Feierabend für heute. Es ist ein Uhr nachts und ich bin auch müde. Ich zerre meinen Schlafsack raus und lege mich auf die abgeschnallten Gepäckrollen. Nur kurz schlafen, ich kümmere mich gleich um dich. Nach vier Stunden Schlaf in einer kleinen Seitenstraße ohne Durchgangsverkehr versuche ich sie zu starten und siehe da: Es wird weiter gehen!

Ich weiß nicht, was das heute Nacht war. An einer roten Ampel hatte sie keine Lust mehr. Und ich hatte gern nachgegeben. Ich packe alles in Windeseile zusammen und los geht’s. Zwei Stunden später habe ich das Piemont verlassen und Ligurien begrüßt. Savona, mein Hafen, ist in greifbarer Nähe. Während ich immer entspannter unter dem Helm werde, beginne ich über die Aussetzer nachzudenken… Die Ventile, das Ventilspiel kontrolliere ich täglich, von meiner Zündkerzensammlung habe ich verschiedene probiert, bleibt nur noch der Vergaser. Der Zündmagnet ist vermutlich schuldlos. Die Pause in der Schweiz war eben lang genug zum Abkühlen. Um 8:30 Uhr bin ich in Savona, meine Fähre wird am Abend mit uns ablegen, es kann nichts mehr schiefgehen, das große Ziel ist erreicht. Ich habe den ganzen Tag Zeit, um die Vergasereinstellungen zu optimieren, herrlich!

Mit der Fähre

Tiefe Entspannung macht sich am Abend breit, als ich endlich vor der Autofähre stehe. Ich kann es kaum realisieren, dass wir es geschafft hatten. Mein einziger Fix-Termin. Manchmal ist es als Solo-Reisende ein wenig einsam, gerade schöne Momente möchte man gern teilen. Aber ich weiß nicht, wem ich diese Art des Reisens zumuten darf. Es hat nichts mit Entspannung zu tun. Eher mit einer Expedition. Ich treffe für die AWO und mich, oder umgekehrt, oft spontan Entscheidungen. Bis jetzt hatte ich mit dem Wetter Glück, der Sommer hält an, Reparaturen und Inspektionen sind problemlos unter freiem Himmel möglich. Ich suche mir dafür meistens unbeobachtete Plätze aus, um keine Fragen beantworten zu müssen. Wenn es sich um einen belebten Platz handelt, könnte es schon sein, dass ich Hilfe benötige und wenn es nur ein Wasser ist.

Die Nachtfähre bringt uns auf die Insel, am Morgen des 5. September laufen wir bei herrlichstem Sonnenschein in Bastia ein. Ungeduldig bin ich, ich bin nicht gern von meiner AWO getrennt. Endlich ist der Frachtraum offen und es geht los. Handgepäck verstauen, ein Kick und ab geht die Luzie. Die Vergasereinstellungen des Vortages machen sich positiv bemerkbar. Erstmal weg von Bastia, Richtung Corte und dann durch die Berge Richtung Süden circa 160 Kilometer nach Olivese, wo ich für die kommenden vier Tage eine feste Unterkunft habe und Tagestouren ohne Gepäck genießen möchte. Zwischendurch prüfe ich mehrmals die Färbung der Zündkerze und den Ölstand. Die Anforderungen auf Korsika sind anders. Es geht meistens bergauf, maximale Beschleunigung bis zum dritten Gang, dann kommt schon die nächste Kurve (Richtige Kurven!) und es muss wieder runtergeschaltet werden. So erreiche ich am späten Nachmittag mein Quartier, beziehe mein Zimmer und der Tag klingt in den Bergen bei einem großen korsischen Bier und dem schönsten Sonnenuntergang aus.


Am nächsten Tag entscheide ich mich aufgrund meiner Beobachtungen und der Tatsache, dass ich mich mit meinem Basislager auf über eintausend Höhenmetern befinde, die Hauptdüse zu wechseln und ein paar Einstellfahrten zu unternehmen. Zufrieden mit meinem Werk und der Bestätigung im Fahrverhalten durchkämmen wir die nächsten Tage den Süden, Osten und Westen. Ein paar Gipfel werden erklommen oder auch mal ein Badetag eingelegt. Die Landschaft, mal alpin, mal mediterran – das Wetter mal wolkig oder sonnig, mal staubig oder nass. Ständig ein anderer, neuer Geruch in der Nase. Mir begegnen nur wenige Touristen, was vielleicht an der abgelegenen Strecke liegt und auch am Saisonende. Ich genieße es sehr, die Straßen und Plätze für mich allein zu haben. Für den zweiten Teil meines Aufenthaltes habe ich mir einen Campingplatz am Fluss nahe Corte ausgesucht. Beim Check-in an der Rezeption frage ich, wo ich mich hinstellen darf. Die Antwort? Wo es mir gefällt. Wunderbar. Ich fühle mich willkommen geheißen. Der Platz ist wenig besucht, ich finde einen wunderschönen Platz am Fluss, kann meine Hängematte spannen, das Tarp drüber, die AWO lehnt lässig am Baum.

Seele baumeln lassen, im Fluss baden und jeden Morgen frische Croissants an der Rezeption. Zwei Tage vor Abreise stelle ich fest, dass meine Bordsteckdose keinen Strom mehr liefert, ich also mein Handy beispielsweise nicht mehr laden kann. Da ich mit der Elektrik auf Kriegsfuß stehe, kann ich den Fehler nicht finden. Alle Steckverbindungen scheinen intakt, ein beschädigtes Kabel kann ich auch nicht ausmachen. Der Kupferwurm scheint zurück zu sein. Diese Tatsache trübt ein wenig die letzten Tage auf Korsika und das langsam einsetzende schlechte Wetter. Aber dank des Zündmagneten bin ich batterieunabhängig und habe keine Sorge, dass ich deshalb stranden würde. Zehn Tage nach meiner Ankunft auf Korsika stehe ich wehmütig mit feuchten Augen auf der Fähre, die uns zurück aufs Festland bringt.

Zunehmende Probleme

Der vorletzte Tag beginnt früh am Lago Maggiore, ich hänge früh die Nadel im Vergaser noch um, da ich heute, also gleich, meine Rechnung am San Bernadino begleichen will. Auf dem Pass muss ich die Gemischschraube und das Standgas leicht justieren, die Luft wird dünner.


Der Pass gelingt besser als der Gotthardpass. Ohne Zwischenfälle verlasse ich den leicht verschneiten und kalten Gipfel, ich trage schon den halben Tag die Winterhandschuhe. Der Sommer ist definitiv vorbei. Aus der Heimat kommen schon unangenehme Nachrichten, das Wetter betreffend. Auch die Regenklamotten habe ich griffbereit. Am Abend komme ich am Bodensee an und bin unglücklich. Der Campingplatz hat keinen Baum für meine Hängematte und ich bekomme einen Platz zugewiesen. Ich schlafe trotzdem zufrieden ein: Heute hatte ich fünf Länder unter den Reifen: Italien, Schweiz, Liechtenstein, Österreich und Deutschland.

 Am Morgen weckt mich der Regen. Ich weiß noch nicht, dass es der letzte Tag meines Urlaubes ist. Ich packe zusammen, fülle Öl nach, stelle das Ventilspiel nach, ziehe nach kurzem Überlegen die Regensachen an und starte im Regen. Ein sehr hässlicher Tag, mir schrumpft die Stößelstange des Auslassventils im Laufe des Tages auf ein nicht mehr einstellbares Maß zusammen. Ich habe auch für solche Fälle Ersatz dabei und behebe den Defekt im strömenden Regen am Straßenrand. Des Öfteren werde ich dabei gefragt, ob man mir helfen könne und ob wirklich alles in Ordnung sei. Ich bekomme die Maschine aber wieder selbst zum Laufen, alles ist gut. Verzweiflung macht sich erst am frühen Abend breit, als mir die Zylinderkopfdichtung durchbrennt. Auch dafür habe ich zwar Ersatz dabei, doch das ist nun eine weit größere Operation und für mich nicht mehr am Straßenrand zu erledigen. Nach rund 3.500 Kilometern werfe ich in Ellwangen das Handtuch und schalte einen Pannendienst ein. Was für ein Ritt… Hoch auf dem gelben Wagen zu Hause angekommen, freue ich mich über mein Bett und verlasse es 24 Stunden nicht mehr. Und auch die Probleme auf den letzten paar Kilometern können das Erlebnis Korsika auf meiner AWO nicht trüben.

Nachsatz:

Bereits 2019 unternahm ich eine ähnliche Solo-Tour durch das Baltikum, Korsika war aber landschaftlich schöner. Meine AWO und ich sind schon vor langer Zeit eine enge Bindung eingegangen, ein Oldtimer ist nicht so ohne Weiteres dazu imstande. Meine AWO schafft es nicht ohne mich. Weil ich sie oft und gern benutze, weiß, wann sie sich gesund oder nicht gesund anhört/anfühlt. Und ich weiß, was sie braucht. Du setzt dich nicht einfach auf einen Oldtimer und fährst mehrere Tausend Kilometer am Stück. In meinem Fall waren es Jahre des Leidens, weil ich stets und ständig am Straßenrand meine Erfahrungen sammelte. Mein größter Dank gilt meinem unermüdlichen Telefonjoker und privatem Motorenbauer Volker, ohne ihn hätte meine Reise so nicht stattfinden können. Hilfreich ist zudem nach wie vor eine große Gemeinschaft, die alle dieselbe Leidenschaft verbindet. Ich habe in den letzten zehn Jahren meine gesamte Freizeit und viel Geld investiert. Jeder Jahresurlaub war eine Expedition auf zwei Rädern. Hier macht der Mensch den Unterschied. Wenn ich im Kopf nicht dafür bereit bin, ich mir nicht in jeder Lage selbst helfen könnte, geht das nicht.

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